Suum cuique

Wir sind da und irgendwie kann trotzdem niemand so richtig mental ankommen. Ständig zieht irgendwer in irgendeine andere Richtung, der muss dies jetzt noch tun, dem gefällt das nicht, aber wo ist denn jetzt XY schon wieder hin und, oh, schau mal, was DIE schon wieder anhat und wie sie tanzt!

Ich schließe die Augen und werde ganz ruhig. Dann sage ich, dass sie doch jetzt bitte alle ihren Agendas nachgehen und mich danach hier wieder abholen sollen. Alle sehen mich mit einer Mischung aus Verdutztheit, Überraschung und Argwohn an.
“Alles gut”, verspreche ich, “ich bleibe hier und tanze ein wenig. Für den DJ bin ich hergekommen, das möchte ich jetzt auch bitte sehen.”
Immer noch mit skeptischer Mine sehe ich meine Truppe von dannen ziehen und dann stehe ich nur noch von fremden Menschen umgeben im Zirkuszelt und falle binnen weniger Minuten in den Zustand, für den ich eigentlich hier bin und nach dem ich die letzten Monate immer öfter verzweifelt gesucht habe beim Feiern gehen. Ich bin (zugegebenermaßen das erste Mal seit Langem) stocknüchtern und die Musik legt sich wie eine beruhigende Decke um mich und meine Gedanken. Ich beginne die Lichter um mich rum auf einmal in all ihrer Schönheit wahrzunehmen, ich tauche ein in diese kleine Welt, mein persönliches Seelenrefugium und lasse mich tatsächlich fallen. Etwas, das ich jahrelang wegen meines eigenen Kopfes nicht konnte, weil ich mir zuviele Gedanken gemacht oder mich beobachtet gefühlt habe, weil ich es nicht geschafft habe, einen Fick auf alle um mich herum zu geben, zumindest nicht nüchtern oder nicht ohne den Rückhalt meiner Freunde. Und das ist nicht nur schade, es ist auch eine Sache, die noch auf ganz andere Arten und Weisen für einen selber wichtig ist, denn das ist ein Charakterzug, eine Lektion fürs Leben, etwas, das manche vielleicht schon immer (besser) konnten und andere wohl leider nie so ganz hinbekommen werden.

Einige von euch denken sich jetzt sicher “Wovon zur Hölle spricht die Alte da gerade?”, aber ich für meinen Teil habe schon lange erkannt, wieviel Unabhängigkeit und inneren Frieden eine solche Profanität vorraussetzt. Vielleicht erinnert ihr euch noch an meinen Gedanken auf der Fusion, wie gerne ich so etwas auch mal komplett alleine erleben würde. Nur war das bei mir bisher nicht möglich, weil zuviel Krieg in meinem Kopf geherrscht hat, sogar, ohne dass ich überhaupt davon wusste. Aber wenn der mal ein Ende oder zumindest eine Pause gefunden hat, dann ist es eigentlich ganz leicht, nur für sich selbst zu sein und auch nur den eigenen Gedanken zu lauschen und zu folgen. Ich muss schmunzeln, als der erste Typ mich anspricht, wieso ich denn hier so alleine stehe und versucht, mir ein Gespräch aufzudrängen. Als ich auf dem Utopia letztes Jahr das erste Mal versucht habe, alleine tanzen zu gehen, weil alle lieber Steve Aokie statt Eulberg sehen wollten, ist es nämlich dank genau so einer Geschichte fast zu einer Schlägerei gekommen – allerdings hat mir eben jene dafür dann auch einen Ehrenplatz hinterm DJ Pult besorgt, weil “ich ja offensichtlich nicht besonders gut alleine auf mich aufpassen kann und man es sich ja nicht mit ansehen kann, mit was ich mich da rumschlagen müsse, nur weil ich alleine getanzt habe”. Kurze Erläuterung: Damals war besagter Kerl dank stark alkoholisiertem Zustand nicht nur deutlich aufdringlicher, sondern auch ebenso aggressiv, als ich ihn freundlich abgewiesen habe und wollt mir daraufhin kurzerhand eine reinhauen. Dem genialen Sicherheitspersonal und dem großen Herzen des DJs sei Dank wurde die Situation jedoch sehr schnell gelöst und ich “gerettet”. Und genau das ist der springende Punkt, der mich damals in Schwierigkeiten gebracht hat und der Grund dafür, wieso ich diese kleine Anekdote erzählt habe: dass viele Leute denken, sie müssten dich retten, wenn du zu viel Unsicherheit oder zu wenig innere Ruhe ausstrahlst – und das ist im Grunde ja nichtmal eine schlechte Eigenschaft und die wenigsten davon meinen das böse.
Ich bin es nur müde, jedes Wochenende wieder dieselben Sätze zu sagen, den Personen um mich herum klarzumachen, dass ich sie eigentlich alle echt gerne habe und bestimmt kein unfreundlicher Mensch sein will – aber dass ich jetzt gerade lieber einfach mein Ding machen würde, keine Lust auf immer gleich bleibenden Smalltalk habe oder mir ihre krassen Feiergeschichten von letztem Wochenende ins Ohr schreien lassen will. Ich möchte auch nicht darüber reden, wie lang du oder ich schon hier sind, ich möchte auch keine Pläne mehr schmieden, die am Montag leider eh keine Bedeutung mehr haben, ich möchte nicht über deine Frisur oder den Tanzstil von dem Mädchen neben mir sprechen – ich möchte einfach nur das tun dürfen, wonach mir gerade ist, ich möchte sein dürfen, wo und wie auch immer ich möchte und dieses Recht sollte man auch jeder Person um sich rum einräumen.
Ich war so lange Teil von alldem, wenn nicht sogar ein Paradebeispiel dafür, aber ich habe mich so verändert und so viel dazugelernt in letzter Zeit und jetzt fällt es mir so schwer, das den Leuten zu erklären, ohne sie vor den Kopf zu stoßen.
Als wäre ich Teil eines Tauchgangs gewesen, als hätte ich mir so lange die (Unterwasser)welt mit einem Führer und einer Klasse um mich herum angesehen, geordnet und im Pulk, bis ich dann irgendwo verloren gegangen, versunken bin, und ich mich auf einmal ganz alleine am Meeresgrund wieder gefunden habe, an bisher unerforschten Stellen in imenser Tiefe, an denen mir fast die Luft ausgegangen wäre. Aber wenn du es schaffst, dich dort alleine zurechtzufinden, wirst du dort auch auf wahre Schätze stossen, unentdeckte und verloren geglaubte Orte und Wege. Und dann irgendwann findest du deine Gruppe wieder, zwar leicht lädiert und mitgenommen aber stolz auf deine Entdeckung, und willst nichts lieber, als ihnen diese zu zeigen – und niemand davon möchte sich mit dir dort runter wagen. Und irgendwann siehst du ein, dass du sie nicht dazu zwingen kannst und wagst dich fortan lieber alleine oder nur mit wenigen ausgewählten Leuten in diese Tiefen und geniesst das, was du an der Oberfläche leider nicht einmal in Worte fassen kannst. Denn auch wenn du dort dem ein oder anderen furchteinflössendem Hai begegnen wirst, solltest du dir nie Angst machen lassen.
Denn Haie kommen auch nur, wenn sie das Blut wittern und wenn du gut auf dich achtgibst, wirst du von diesem Ausflug keine Wunden davon tragen.
Und die Leute, die es schaffen, dich und dein Handeln wirklich objektiv zu betrachten ohne irgendetwas auf sich zu beziehen, die wirst du durch so etwas auch nicht verlieren. Jedem das seine. Jedem das, was einem persönlich Freiheit und Seelenfriede schenkt, solange er dabei anderen Menschen nicht schadet. Was mene Freunde glücklich macht, davon erfahre auch ich Glück. Und diese Freiheit kann ich ihnen nur so bedingungslos geben, weil ich jetzt wirklich im Reinen mit mir bin. Weil ich mein Glück nur von mir abhänig mache und sie dadurch nicht mit gesellschaftlichen Normen und Erwartungen und meiner subjektiven Ansicht mit reinziehe. Weil alles in deiner Hand liegt und es auch gar nicht mehr so schwer ist, wenn du das einmal begriffen hast. Weil du lernen
musst, dich selber zu retten, um keine Rettung mehr zu brauchen.

It’s in our hands, it always was.

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