Фузион

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“Darf ich auch mal? Bitte bitte, das will ich schon seit meiner Kindheit!”
Er drückt mir grinsend die Spraydose in die Hand und geht einen Schritt zurück. Ich setze zögerlich an und schmiere einen viel zu breiten Strich über die Wand. Er lacht und drückt meine Hand näher an die steinige Oberfläche, und siehe da, langsam formt sich da etwas krakelig mein Name in bunter Farbe. Ich grinse bis über beide Ohren, bedanke mich artig und hetze dann meiner mal wieder weglaufenden Truppe hinterher, um später nicht wieder alleine planlos den Zeltplatz eineinhalb Stunden suchen zu müssen.
Ich bin ein Herdentier, ich bin eine von denen, die eigentlich nichtmal alleine aufs Klo gehen wollen auf einer Party, ich mag es nicht wenn es still ist und ich mit keinem reden kann und wenn man lange genug in München wohnt hat man es auch aufgegeben, fremde Leute anzulabern in der Hoffnung, dabei zufällig mal entspannte Leute kennenzulernen.
Ein Freund hat gestern erst gesagt, ich hätte alleine hierher fahren sollen und ich habe ihm den Vogel gezeigt. Doch jetzt gerade würde ich nichts lieber tun, als meiner Begleitung, meinem Handy und all meinen sozialen Verpflichtungen den Rücken zu kehren und das erste Mal in meinem Leben wirklich mein Ding zu machen. Wer hätte gedacht, dass nur ein Tag  Fusion so eine grundlegende Veränderung in meinem Denken erzeugen könnte. Man wächst erst, wenn einem die Möglichkeit an Veränderung gegeben wird und deshalb denke ich, dass ich in München niemals über mich hinauswachsen werde, einfach weil das Denken und die Freiheit hier so begrenzt sind und die Leute in Schubladen denken, die noch geringer sind als ihr Maß an Toleranz und Empathie.
Ich möchte am liebsten hierbleiben, auch wenn das hier natürlich auch nur ein zeitlich befristeter Ausbruch aus der Realität ist. Urlaub vom Leben, in einer Welt, die so bunt ist, dass selbst die psychodelischten Gemälde dieser Welt es kaum erfassen können, in einer Umgebung in der das Miteinander statt Gegeneinander gepredigt wird, in der du für ein paar Tage sein kannst wer du eigentlich bist oder zumindest, wer du immer sein wolltest.
Aber eben auch nur, solange die Substanzen im Körper wirken oder die Musik gespielt wird, die man hören möchte und das gibt dem ganzen leider einen sehr bitteren Beigeschmack.
Auf der Fusion waren alle beinahe beängstigend nett, fürsorglich, hilfsbereit und offen. Als wir dann am Tag der Abfahrt in der Schlange zum Shuttle standen und es angefangen hat zu regnen, kam dann allerdings bei vielen wieder die Jeder-für-sich-selber und Ich-über-alle Mentalität durch. Klar, man wurde ja auch nüchtern und auf einmal sind dann wieder die anderen Schuld, dass man das eigene Gepäck so schwer gepackt hat, dass man es kaum tragen kann oder man nicht rechtzeitig losgelaufen ist, weil man verpennt hat.
Dieses Festival hat jetzt schon einen Platz in meinem Herzen und ich bin unendlich froh, dass ich trotz allem gefahren bin. Nur darf man bei der ganzen Sache einfach nicht vergessen, dass vieles leider nicht echt ist.
Dass es für viele Leute Urlaub von ihrem Leben und damit auch von sich selbst ist, aber dass sie nur deshalb Urlaub brauchen, weil sie eigentlich ganz anders und damit ziemlich unangenehme Zeitgenossen sind. Solange alle in ihrer glänzenden Seifenblase sind haben sie sich lieb und vergessen ihre Sorgen und Ängste, aber danach ist alles wieder beim alten, weil man sich eigentlich gar nicht geöffnet hat, oder zumindest nicht so weit, dass man wirklich etwas davon mitnimmt. Doch eigentlich sind diese Worte genauso vergeblich wie mein ewiger Wunsch, es allen Recht zu machen oder sich um alle zu kümmern, denn so etwas sieht man entweder irgendwann von selber oder gar nicht.
Ich sitze mit meiner inzwischen ausgetauschten Feiercrew auf dem riesigen Holzbalkons des Datschars und philosophiere mit ihnen über das und vieles mehr und beschließe ein weiteres Mal seufzend, dass ich wirklich nach Berlin ziehen muss, einfach nur weil dort anscheinend alle coolen Leute mit einem Freiheitsdrang und Werten wie meinen wohnen oder es sie früher oder später dorthin verschlägt.
Die letzten Lichter der beeindruckenden Lasershow beenden ihr Spiel und werden abgelöst von einigen hoffnungsvollen Sonnenstrahlen. Ist wie jedes Mal neu auferstehen, weil du jeden Tag die Chance hast, dein Leben zu ändern und diese Momente sind so schön, dass sie mir fast schon wehtun im Bauch. Das gefühl, endlich anzukommen weil du endlich mal verstanden wirst ist ebenso unbeschreiblich wie unendlich wertvoll. Ich beiße mir auf die Lippe, weil ich leider immer noch nicht fähig bin, dieses Gefühl in nicht total lächerlich kitschige Worte zu fassen, aber jeder einzelne davon ist so tief in mein Herz eingebrannt, dass ich sie nie vergessen werde. Wenn Taten widerspiegeln, was für ein Mensch du bist, dann habe ich auf der Fusion nur dazu gewonnen und nichts verloren.

 

PS: Und die Bilder? Die sind eben genau nur das: Appetitanreger, Tropfen auf dem heißen Stein, schlechte Handyschnappschüsse in einer so reizüberfluteten Welt, dass man eigntlich gar nicht versuchen dürfte, das einzufangen – denn es wird einem eh nicht gelingen. Im Forum hatte jemand geschrieben, wie lächerlich es wäre, die vielen verschiedenen Dimensionen, durch die die Fusion so beeindruckt, mit einer Kamera einfangen zu wollen. Er hat Recht. Das hier kann man nicht fotographieren und man kann es auch nicht beschreiben. Man muss es einfach erleben. Aber man sollte sich auch gut Klaren sein, worauf man sich einlässt ;)

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